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Kreuzzug
gegen Frauenrechte
Während
in den europäischen Medien das Schreckgespenst des „islamischen
Terrorismus“ herumgeht, vollzieht sich im Schatten dessen eine
weitere bedrohliche Entwicklung, die sich unter einem Deckmantel
religiöser Argumente versteckt. Mit George Bush in den USA und
konservativen Regierungen in Europa an der weltlichen, politischen
Spitze sowie Papst Johannes Paul II auf der geistig, kirchlichen
Seite stellt die Welle des christlichen Fundamentalismus in seiner
Konsequenz eine tödliche Bedrohung für Millionen von Menschenleben
dar.
Unter
dem Namen Global Gag Rule führt die US-Regierung seit 2001
einen Kreuzzug gegen Schwangerschaftsabbrüche, sexuelle Aufklärung
und Kondome. Diese wurden als „unsittlich“ und „mit dem
christlichen Glauben unvereinbar“ gebrandmarkt. In der Folge
wurden systematisch alle Gelder für NGOs, Familienplanungs- und
Gesundheitsorganisationen gestrichen, die in irgendeiner Form –
sei es direkt oder indirekt - mit dem Thema Abtreibung zu tun haben.
Selbst das Veröffentlichen von Informationsmaterialien war schon
Grund genug, um den Einrichtungen ihre finanziellen Mittel zu
verweigern und sie zum Schließen zu zwingen. Insbesondere
Frauen-NGOs und Frauen-Gesundheitsprogramme, die nur selten über
unabhängige finanzielle Quellen verfügen, sind in ihrer Existenz
bedroht. In Ghana führte das Ausbleiben der US-Unterstützung
beispielsweise zur Einstellung eines HIV-Präventionsprogramms für
700.000 Menschen. Zugleich setzten sich Vertreter der
Bush-Administration 2002 auf der Welt-Kinder-Konferenz der UNO gegen
Sexualaufklärung und Kondome als Schutz vor AIDS ein. Und seit zwei
Jahren blockiert die Regierung außerdem die Zahlung von 34
Millionen Dollar an den Weltbevölkerungsfonds der Vereinten
Nationen, der für Familienplanungsberatung sowie Schwangeren- und
Kindergesundheitsversorgung in 140 Ländern zuständig ist. Unter
scheinheiligen Argumenten über „christliche Moral und Werte“
werden in den von Armut und AIDS gebeutelten Regionen infolge
fehlender Ausbildungs- und Behandlungsprogramme
Millionen von Menschen dem Tod ausgeliefert. Die feste
Entschlossenheit Bushs, Frauen ihre sexuellen und reproduktiven
Rechte zu verweigern, nannte der Generaldirektor des
Dachverbandes der Familienplanungsorganisationen IPPF einen „Ausdruck
extremer Frauenverachtung“, die nur als Krieg gegen Frauen
bezeichnet werden könne.
Doch
obwohl im April diesen Jahres ca. 800.000 Frauen mit einem Marsch in
Washington gegen diese Politik der US-Regierung protestierten, regt
sich im Vergleich zu der Schärfe der Angriffe – die sich nicht
nur auf das Territorium der USA begrenzen - nur ein sehr verhaltener
und unkoordinierter Widerstand von Frauen hiergegen. Dies erscheint
insbesondere vor dem Hintergrund der Geschichte und der thematischen
Ausrichtung der Neuen Frauenbewegungen in den USA und Westeuropa
unbegreiflich.
Die
Rechte von Frauen auf Selbstbestimmung über ihren eigenen Körper,
auf Gesundheit und das Recht auf Abtreibung waren in den 70er Jahren
des letzten Jahrhunderts grundlegende Forderungen dieser Bewegungen
gewesen. Sie machten tabuisierte Themen zum Gegenstand
gesellschaftlicher und politischer Diskussionen, sprachen sich gegen
die Doppelmoral von Staat und Kirche aus. Immer mehr Frauen wurden
sich bewusst: „Wir sind nicht allein. Unser persönliches
`Schicksal` hat eine politische, gesellschaftliche Dimension. Den
Kampf gegen patriarchale Unterdrückung können wir nur gemeinsam
gewinnen!“ Im Zuge dieses Aufbruches gelang es Frauen in vielen
westlichen Ländern durch breite gesellschaftliche, ideologische und
soziale Kämpfe zumindest einen gewissen Grundstandart für ihre
sozialen und reproduktiven Rechte durchzusetzen. Wie kann es nun
passieren, dass diese hart erkämpften, aber auf alle Ewigkeit
gesichert geglaubten Rechte nun so leicht ins Wanken gebracht
werden? Wo bleibt der Aufschrei? Wo ist der gemeinsame Widerstand? Das
sind Fragen wir uns heute stellen und auf die wir Antworten finden müssen,
wenn wir morgen nicht unter mittelalterlichen Bedingungen und
Gesetzen leben wollen.
Die Geschichte hat uns gezeigt, dass die Herrschenden immer dann zum
härtesten Schlag ausholen, wenn sie meinen auf den geringsten
Widerstand zu stoßen und weil sie meinen, dass keine Alternative zu
ihnen existiert. Dann liegt es an uns, diese Alternativen zu
entwickeln und zu praktizieren! Fühlen sie sich so mächtig,
weil sie meinen Fraueneinrichtungen durch finanzielle Abhängigkeiten
lenkbar sind und sich nach Belieben auflösen lassen? Dann liegt
es an uns, unabhängige Finanzierungskonzepte umzusetzen! Sind
sie sich so sicher, weil sie die Frauenbewegungen zersplittert haben
und uns nun mit dem Konzept „Gendermainstreaming“,
d.h. der angeblichen Einbeziehung von Frauen und Frauenthemen
in alle Bereiche, uns eine Scheinfreiheit vorspielen? Dann liegt
es an uns, uns anhand unserer Bedürfnisse selbst zu organisieren,
die Solidarität untereinander als unseren größten Reichtum zu
sehen und als Frauen unsere eigene Tagesordnung aufzustellen! Dann
liegt es an uns, demokratische Strukturen und Lebensformen zu
entwickeln, die nicht manipulierbar sind, sondern von anderen
aufgegriffen werden!
Das
sind meiner Meinung nach einige der wichtigsten Herausforderungen,
denen wir uns als Frauen hier und jetzt stellen müssen, wenn wir
neue Formen von Kreuzzügen und Hexenverbrennungen im 21.
Jahrhundert vermeiden wollen. Sicher, es ist nicht einfach, aber die
Freiheit lässt sich auch in Europa oder in den USA immer noch nicht
im Supermarkt kaufen – und auch mit der bloßen physischen
Teilnahme an einigen allgemeinen Kampagnen wird sie sich nicht
erreichen lassen, solange wir innerhalb dieser nicht auch unseren
Willen als Frauen organisiert zum Ausdruck bringen. Also, es liegt
an uns, durch fundamentierte Kritik und Analyse den
Herrschaftskonzepten ihre Scheinheiligkeit zu nehmen, den Widerstand
in Politik und Alltag zu organisieren und den Kreuzzug gegen
Frauenrechte zu stoppen!
Ann-Kristin Kowarsch
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