KRANKHEIT UND GESUNDHEIT IN MAXMUR...
Ihr fehlt es an einem Abpumpwagen
und an Müllfahrzeugen. Es gibt ja nicht einmal einen ausgewiesenen Müllplatz
zum Deponieren des Abfalls außerhalb des Camps; man kippt ihn einfach dort
hin, wo Platz ist.
Der UNHCR verspricht schon seit
einigen Jahren, diese Probleme zu einer Lösung zu bringen, aber bislang ist
es bei dem Versprechen geblieben. Die klimatischen Bedingungen hier am Rande
der Wüste kommen erschwerend hinzu. Wenn das Thermometer über die 50°
Celsiusmarke klettert, verderben die Lebensmittel innerhalb kürzester Zeit. Kühlmöglichkeiten
fehlen komplett. Womit sollte man auch einen Kühlschrank betreiben – ohne
Strom. Im Sommer ist das Wasser so heiß, daß man aufpassen muß, sich nicht
die Hände zu verbrühen.
Unsere Kinder leiden an Fehl- und
Unterernährung, sowie an Blutarmut. Was wir an Nahrungsmitteln über das
Welternährungsprogramm bekommen, mag zwar ausreichen, im nicht zu verhungern,
aber es ist völlig unzureichend für Kinder im Wachstum - die Familien haben
nicht die Mittel, um den Speiseplan mit frischem Obst und Gemüse oder gar
Fleisch anzureichern. Auf diesem trockenen Stück Erde läßt sich ohne
moderne Bewässerungstechnik kein Gartenbau betreiben und Arbeit, um etwas
nebenbei zu verdienen, gibt es nicht; vor allem nicht für uns Flüchtlinge
aus dem Camp.
Bis 1997 konnten wir für Kinder
mit Ernährungsmängeln mit Proteinen angereichete Spezialnahrung bekommen,
aber dieses Programm ist ersatzlos gestrichen worden. Die meisten Kinder
zwischen einem und vierzehn Jahren sind fehl- und unterernährt.
Sie nehmen alle zuviel Weizenprotein (Brot) zu sich, das gerade im
ersten Lebensjahr schwer verdaulich ist und Allergien auslösen kann. Viele
leiden zudem an Augenentzündung (Conjunctivitis), die bei Nichtbehandlung zu
Blindheit führen kann, und an Blasen- und Nierenentzündungen. Die andauernde
Fehlernährung, insbesonders der Mangel an ungesättigten Fettsäuren kann
Schwächen in der Gehirnentwicklung zur Folge haben. Solche Schwächen lassen
sich im späteren Leben nicht mehr ausgleichen. Die Kinder bleiben für die
Dauer ihres Lebens in der geistgen Aufnahmefähigkeit zurück. Wir ziehen
demzufolge, sollte nichts passieren, eine Generation Minderbegabter auf.
Auch die soziale Situation der
Familien hat natürlich Einfluß auf die Gesundheit. Das größte Problem
stellt immer noch die hohe Kinderzahl dar. Die Häuser, die wir im Maxmur
vorfinden, sind viel zu klein im Verhältnis zur Größe der Familien. Die
meisten Familien verfügen nur über ein einziges Zimmer, was die Ausbreitung
ansteckender Krankheiten begünstigt. Wegen der häufigen Schwangerschaften
sind die Frauen sehr geschwächt. Die meisten Babys kommen untergewichtig zur
Welt. In der letzten Zeit sind einige Kinder mit Herzlöchern geboren worden,
andere hatten sich während der Geburt mit Hepatitis B-Viren infiziert. Die
geschwächten Mütter haben Probleme, ihre Babys zu füttern. Wir versuchen ständig,
die Mütter über Hygiene, Geburtenkontrolle, Säuglingspflege und Ernährung
aufzuklären, müssen uns aber selbstkritisch eingestehen, daß all unser Bemühen
noch nicht ausreichend ist.
Die Hebung des Bewußtseins der
Bevölkerung ist unsere Arbeit, aber es gibt andere Probleme, bei deren Lösung
wir auf äußere Hilfe angewiesen sind.
In Camp gibt es ein
Gesundheitszentrum, das allerdings völlig unzureichend ausgestattet ist. Es
gibt weder ein Röntgen-, noch ein Ultraschallgerät, noch Laborutensilien.
Was zur Folge hat, daß Krankheiten nicht klar diagnostiziert werden können,
was die Behandlung zum Teil extrem verzögert, weil man auf das Ausprobieren
verschiedener Behandlungsmethoden setzen muß. Nicht einmal ein einfacher
Zuckertest ist vorhanden. Technische Diagnosemöglichkeiten sind nur in Mosul
und Arbil gegeben.
Vor dem Krieg war es uns erlaubt,
im staatlichen Krankenhaus von Mosul kostenlose medizinische Versorgung in
Anspruch zu nehmen, auch alle notwendigen Operationen wurden kostenlos
durchgeführt. Aber dieses Angebot ist mit dem Krieg beendet worden. Jetzt
sollen wir für alle Behandlungen normal bezahlen, was für uns als Flüchtlinge
ohne ein Einkommen nicht möglich ist. Das heißt in der Praxis, daß die Ärzte
ihre Patienten an Spezialisten übrweisen, diese jene wegen Geldmandels aber
nicht aufsuchen können. Sie könnten ja nicht einmal die Fahrtkosten
begleichen. Das Gleiche gilt für die Beschaffung von Medikamenten, die in der
Apotheke des Gesundheitszentrums nicht vorhanden sind. Auch die sollen wir
gegen Bezahlung aus der Apotheke in der Stadt holen. Die Konsequenz ist, daß
die Behandlung oftmals wegen finanzieller Hürden so lange verschleppt wird,
bis der Zustand der PatientInnen kritisch geworden ist. Viele Krankheiten
kommen so in ein chronisches Stadium.
Es arbeiten zwar drei ÄrztInnen
im Gesundheitszentrum, die Sprechzeiten sind aber ausschließlich auf die
Morgenstunden begrenzt. Die Zeit von dreieinhalb Stunden ist allerdings viel
zu eing bemessen, so daß jeden Mittag ein Teil der PatientInnen
unverrichteter Dinge wieder nach Hause gehen muß. Nach Ende der Sprechzeit
bleibt keiner der Ärzte für etwaige Notfälle im Camp. Über die Wochenenden
ist für mehr als siebzig Stunden für 10.000 Menschen kein Arzt verfügbar.
Neben den beiben Praktischen ÄrztInnen
ist der dritte Arzt ein Zahnarzt. Das einzige, was dieser als
Behandlungsalternativen vorzuweisen hat, ist das Ziehen der Zähne, für alles
Weitere fehlt die technische Ausstattung seiner ‚Praxis’. Mag es an der
frustrierenden Situation liegen oder gibt es andere Gründe dafür, jedenfalls
nehmen die Ärztinnen ihre Arbeit bei uns im Camp nicht sehr ernst und
erscheinen oftmals morgens überhaupt nicht, was bedeutet, daß die
Sprechstunde ganz ausfallen muß, weil es keinen Ersatz gibt.
Was wir bräuchten, wäre ein
solide ausgestattetes Krankenhaus mit einer Entbindungsstation und einem
Quarantäretrakt für PatienInnen mit Tuberkulose und Hepatitis B. Diese
Krankheiten sind ein Erbe aus den Gefängnissen in der Türkei, sie kursieren
seit zehn Jahren unter der erwachsenen Bevölkerung des Camps, ohne daß ein
Ende in Sicht wäre. Die irakischen Kinder, unsere Kinder nicht
ausgeschlossen, sind alle gegen die häufigsten Krankheiten geimpft, so daß
einige Krankheiten in den letzten Jahren rückläufig sind.
Neben den ganz Jungen haben auch die ganz Alten ihre speziellen Probleme. Vor
einem Jahr wurde im Camp ein Altenbetreuungsprojekt gegründet. Die dort mit
dem alten Menschen arbeitenden beklagen sich beständig über die fehlende
Unterstützung für ihr Projekt. Die meisten der Alten bräuchten Hilfsmittel
wie Brillen, Hörgeräte und Zahnersatz, viele von ihnen sind chronisch krank,
leiden an Magen- und Verdauungsproblemen. Solche Menschen können sich nicht
ausschließlich von Brot, Bohnen und Reis ernähren, aber wer sollte Zusätzliches
einkaufen. Den Familien fehlen, wie oben erwähnt, die finanziellen Möglichkeiten,
und die Altenbetreuungsstätte bekommt keinerlei Unterstützung von Seiten des
UNHCR. Anstatt den alten Menschen den Lebensabend etwas angenehmer zu machen,
so wie sie es nach allem, was sie durchlebt haben, verdient hätten, können
die Betreuer nicht viel mehr tun als zuzusehen, wie die Alten zusehens
verfallen.
Dieser Artikel erhebt nicht den Anspruch, ein detaillierter ärztlicher
Bericht zu sein, er soll nur einen kleinen Eindruck über das
Gesundheitssystem des Camps gee, das wiederum nur ein Teil des des Campsystems
ist. Keiner der Bereiche des Camps kann isoliert von den anderen betrachtet
werden.
Was wir von Jahr zu Jahr immer
klarer sehen, ist, daß sich Maxmur nicht mit anderen Flüchtlingscamps
vergleichen läßt, weder was die Dauer unseres Flüchtlingsdaseins betrift
noch unsere Stellung innerhalb der anderen Bevölkerungsgruppen der Region
noch in Bezug auf unseren politischen Status. Wir sind nicht einfach nur
Kriegsflüchtlinge, die nach Beendigung der Kampfhandlungen in unsere Dörfer
zurückkehren und wie einstmals weiter leben könnten. Aus diesem Grunde gehen
die Hilfsmaßnahmen des UNHCR zum Teil an der Realität des Camps vorbei. Eine
außerordentliche Situation wie die unsere erfordert außerordentliche Maßnahmen.
Ein Lösungsansatz kann nur dann erfolgreich sein, wenn er sämtliche Aspekte
unserer Lage einbezieht.
Wir möchten uns hier nicht nur
über unsere Gesundheitsprobleme beklagen, das ist sicherlich nicht das
Anliegen dieses Artikels, der dennoch wegen unserer akuten Lage auch als
Aufruf für Hilfsorganisationen, humanitäre Projekte und für alle im
Gesundheitssektor arbeitenden Einzelpersonen verstanden werden kann.
Wir mochten alle diese Menschen einladen, uns bei der Lösung unserer Probleme
zu helfen.
Wir sind auch dankbar über alle
Eure Fragen und Anregungen
Mit solidarischen Grüßen
Das Gesundheitskomitee des Flüchtlingscamps Maxmur
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