Internationale Zusammenarbeit

JUGEND UND BILDUNG...

    Diese Erlebnisse haben tiefe Wunden in ihren Seelen hinterlassen. Man weiß heute genug über die Traumatisierung von Kindern im Krieg, aber kein Spezialist hat sich bislang der Kinder von Maxmur angenommen. Auch das ist ein Teil der Politik des Nichtwahrnehmenwollens. Man hat lange außerhalb des Mittleren Ostens den Krieg gegen das kurdische Volk nicht als Krieg definieren wollen, sondern als Terrorismusbekämpfung bezeichnet und die Türkei noch mit Waffen und Infrasturktur unterstützt. Die offensichtliche Absicht, die dahinter steckte, das kurdische Volk physisch und psychisch zu vernichten, wurde im Westen so wenig wie möglich thematisiert und wenn man sich doch einmal gezwungen sah, eine Stellungnahme abzugeben, weil man vor der Intensität der Gewalt nicht mehr länger die Augen verschließen konnte oder weil die Opfer des Krieges ins eigene Land kamen, um Schutz und Asyl zu suchen, dann handelte es sich eben um Einzelfälle. Man versuchte, die Aussagen der Flüchtlinge als übertrieben oder unglaubwürdig abzutun. Das immer ausgeklügeltere Asylrecht erfüllt genau diese Aufgabe. Es ist schon lange kein Gesetz mehr, das dem Schutz der Flüchtlinge dient, sondern ein Abschiebegesetz. – Aus den Augen, aus dem Sinn! Und wie erst die Kinder in Kurdistan ihre Erlebnisse verarbeiten, danach wird noch weniger gefragt. Sie leben ja noch, was braucht man da zu tun?

    Ja, die Kinder von Maxmur leben, Wenn man sich umschaut, fragt man sich manchmal wie und wovon. Wie können sie in dieser Höllenhitze wachsen? Wovon leben sie? Es gibt doch nichts als die Rationen des Welternährungsprogramms und die sind alles andere als ausreichend. Was soll einmal aus diesen Kindern werden? Darauf wissen die Kinder selber keine Antwort. Wenn sie gefragt werden, was sie einmal machen wollen, zucken die meisten nur mit den Schultern. Vielleicht ist das die erschütternste Geste, dieses Schulterzucken. Denn es ist nicht nur ihr Schulterzucken, es ist auch unseres, das ihrer LehrerInnen, denn auch wir haben keine Antwort auf diese Frage. Zum Beispiel an den Zeugnistagen, wenn die SchülerInnen mit Spannung darauf warten, wer denn dieses Mal Klassenbeste/r geworden ist, da kann man sich als Erwachsene/r schon einmal fragen: Klassenbeste/r! – Was bedeutet das, wenn man nicht weiß, ob das Zeugnis einmal anerkannt wird. Und wer wird es anerkennen, die Türkei, der Irak, vielleicht auch niemand? Wird man mit diesem Zeugnis eine weiterführende Schule besuchen, studieren können? Wird man mit diesem Abschlußzeugnis eine Anstellung finden oder war alle Mühe umsonst? Manchmal möchte man einem faulen Schüler sagen: ’’Streng dich an, damit einmal etwas aus dir wird!’’ Aber man sagt es doch nicht, könnte doch die Rückfrage kommen, was mit ’etwas’ gemeint sei.

      Die erste Schule haben wir eröffnet, lange bevor wir nach Maxmur kamen. Damals war alles noch ganz neu für uns. Waren wir ja selbst keine ausgebildeten Lehrkräfte. Wir hatten nur unsere eigenen Erfahrungen als ehemalige SchülerInnen an türkischen Schulen. Wie man in zum Beispiel auf Kurdisch unterrichtet, haben wir uns erst selber beibringen müssen. Damals steckten die Versuche, die kurdische Schriftsprache zu vereinheitlichen noch in den Anfängen. Wir fühlten uns wie PionierInnen, waren es in gewisser Weise ja auch. Unser Ansporn war, daß wir nicht wollten, daß unsere SchülerInnen wie einst wir zwangstürkisiert werden sollten. Auch hatten wir die Prügel nicht vergessen, die wir in unserer Schulzeit dafür bezogen hatten, daß wir in der im Unterricht kurdisch sprachen. Und so hatten wir nach vielen heißen Diskussionen und Fragen am Ende doch das erste Unterrichtsprogramm fertig gestellt – handschriftlich in ein paar Schulheften.

    Woran es uns neben Material vor alem fehlte, war pädagogisches Wissen. Selbstkritisch muß man heute sagen, daß es uns trotz aller guten Vorsätze nicht immer gelungen ist, eine demokratische Unterrichtshaltung an den Tag zu legen. Oft waren wir viel autoritärer als wir sein wollten, aber das türkische Schulsystem saß uns einfach zu tief in den Knochen. Doch mit den Jahren erwarben wir uns eine gewisse Lehrroutine, die es uns erlaubte, über demokratische Normen im Unterricht zu diskutieren und uns auch gegenseitig offen in unserem Unterrichtsstil zu kritisieren.

    Vorher mußten jedoch noch andere Schritte unternommen werden. Zuerst mußten die Eltern von der Notwendigkeit eines Schulbesuchs für ihre Kinder überzeugt werden, in der Anfangszeit unseres Exils glaubten wir ja noch an eine schnelle Rückkehr in unsere Heimat und da fragten sich einige, was der ganze Aufwand jetzt solle, wo man doch um sein Überleben zu kämpfen hatte. Die Schule, so meinten sie, könne warten, bis man wieder zuhause sei, Andere meinten, daß der Schulbesuch für Mädchen nicht nötig sei. Es gab also eine ganze Reihe von Widerständen und Vorurteilen zu überwinden. Aber wir überwanden sie. Hatten wir es uns doch in den Kopf gesezt, im Camp mit dem Unterricht zu beginnen. Es hatte etwas zu Verlockendes, unsere eigene Schule zu machen, ohne nach externen Vorschriften fragen zu müssen und ohne, daß uns jemand in unser Vorhaben hineinreden konnte. Damals wäre niemand von uns auf die Idee gekommen, nach Bezahlung zu fragen.

      Heute, wo die Geschichte unseres Camps ins zehnte Jahr geht,und noch immer kein Ende anzusehen ist, stimmt natürlich jeder mit uns überein, daß wie eine richtige Entscheidung getroffen haben Konnten wir doch wo verhindern,daß eine ganze Generation AnalphabetInnen zu unseren sowieso schon reichlichen Problemen hinzukommt.

    Wie gesagt, anfangs stand das Erlernen der kurdischen Sprache im Vordergrund. Für mehr war schon allein wegen der instabilen Lage keine Muße. Immer wieder wurde der Unterricht wegen des Krieges oder wegen der erneuten Verlegung des Camps unterbrochen und dennoch ging es vorwärts. Unsere SchülerInnen wurden größer und wollten Neues lernen und so kamen Geschichte, Geographie und Gesellschaftskunde dazu. Und plöztlich war der Zeitpunkt gekommen, der ersten Generation von SchülerInnen das Grundschuldiplom auszustellen. In zähen Verhandlungen mit dem UNHCR hatten wir erreichen können, daß dieser bereit war, unsere Diplome zu beglaubigen. Damit waren sie zumindest offiziell international anzuerkennen.

    Mit finanzieller Unterstützung des UNHCR konnten wir im Maxmur zwei weitere geräumige Grundschulen - die erste hattten wir aus Lehmziegeln selber erbaut - und eine Mittelschule mit gymnasialer Oberstufe einrichten. Am Ende des kommenden Schuljahres werden wir die ersten Abiturzeugnisse ausstellen. Wer hätte das einmal für möglich gehalten! Wir denken, daß wir stolz sein können auf das, was wir aus eigener Kraft erreicht haben. Denn an Unterstützung hat es leider durchgehend gefehlt. Wenn der UNHCR die Schulen sporadisch besucht, freut er sich immer, daß alles so gut klappt. Aber gleichzeitig müssen wir Jahr für Jahr um jeden Bleistift feilschen. Noch wie am Anfang haben wir keinen Photokopierer. Immer noch müssen die SchülerInnen alles von der Tafel abschreiben, wodurch viel wertvolle Unterrichtszeit verloren geht. Immer noch haben wir kaum Anschauungsmaterial und ein Labor fehlt komplett. All das wäre auch unter den Bedungungen, die in den letzten Jahren wegen des Embargos im Irak geherrscht haben, zu bekommen gewesen. Wir geben offen zu, daß dieses Gefühl des Alleingelassenwerdens die Haltung zu unserer Arbeit negativ beeinflußt hat. Es ist nicht so, daß wir nicht versucht hätten, über diese Punkte mit den Verantwortlichen des UNHCR zu sprechen, aber wir wurden leider immer nur vertröstet. Vor allem in den letzten Monaten ist diese Haltung noch offener zutage getreten. Wir konnten bis heute keine befriedigende Einigung über eine materielle Unterstützung der LehrerInnen erzielen, die wegen ihrer Aufgaben an der Schule nicht wie andere die Möglichkeit haben, durch kleine Nebenverdienste außerhalb des Camps wenigstens etwas zum Unterhalt ihrer Familien beizutragen. Viel ist es eh nicht, was sich durch Aushilfsarbeiten verdienen läßt, aber manchmal kann eben dieses bißchen äußerst wichtig sein. So z.B., wenn ein Medikament von außerhalb des Camps besorgt werden muß. Aus diesem Grund werden mehrere LehrerInnen im kommenden Schuljahr nicht wieder an die Schule kommen können. Es ist schon frustrierend zu sehen, daß Menschen, die sich so lange Jahre für die Campgemeinschaft aufgeopfert haben, ohne auch nur ein Dankeschön zu erwarten, sich jetzt enttäuscht zurückziehen. Wenn man bedenkt, wie viel Wert andere Systeme dem Bildungsbereich zumessen, ist es wirklich nicht viel, was die LehrerInnen von Maxmur bräuchten. Ganz abgesehen davon, daß sehr kurzfristig gedacht wird; man bedenkt nicht den Schaden, der einer Gesellschaft durch eine nicht zukunftsfähige Jugend entsteht.

      Die Jugend von Maxmur steht am Scheideweg zwischen Vergangenheit und Zukunft. Durch den Verlust der Heimat ist sie gezwungen, einen neuen Weg zu beschreiten. Wie und wohin, das weiß sie, wie wir oben dargestellt haben, selbst noch nicht. Damit sie nicht dem feudalen Familienleben zum Opfer fällt, braucht sie Anregungen und Hilfestellung. Wir versuchen, ihr diese zu geben, können das aber auch nur bedingt, weil uns die finanziellen Mittel für Alternativen fehlen. Viel wird von der Haltung der neuen Regierung uns gegenüber abhängen. Wird sie unsere Jugendlichen an ihren Universitäten aufnehmen? Das wäre ein richtigen und wichtiger Schritt in Richtung Verständigung im Mittleren Osten. Im Camp selber wäre ein kleines technisch/ handwerkliches Ausbildungszentrum nötig für all die Jugendlichen, die zur Zeit unbeschäftigt zuhause sitzen.

    Andererseits ist es eine sehr aufgeschlossene und gebildete Jugend, die ernsthaft an der Entwicklung der kurdischen Kultur arbeitet, insbesondere befaßt sie sich mit der kurdischen Schriftsprache. Sie publiziert z.B. regelmäßig, veranstaltet Seminare und Diskussionsabende. Anderseits beschäftigt sie sich kontinuierlich mit der politisch/sozialen Situation im Mittleren Ostens. Auf der Bildungkonferenz, die soeben beendet wurde, wurde der Beschluß gefaßt, das gesamte Bildungssystem nach demokratisch/ äkologischen Maßstäben neu auszurichten.

    Nicht zuletzt  wegen der Erfahrungen, die sie selber gemacht hat, könnte sie ihren Beitrag für den Aufbau eines friedlichen demokratischen Irak leisten. Dafür müßte sie sich allerdings frei außerhalb den Grenzen des Campes bewegen können. Um in Vereinen und Organisationen arbeiten zu können, bräuchten die Jugendlichen ein offizielles Ausweispapier. Dieses besitzen die Flüchtlinge allerdings nach der Auflösung des alten Systems nicht mehr. Zur Zeit muß jeder, der das Camp verläßt damit rechnen, verhaftet zu werden.

    Wie bemühen uns zudem gerade auch, Jugendkontakte nach Europa zu knüpfen, um mit neuen Ideen konfrontiert zu werden – mögen sie vielleicht für Europa gar nicht so neu sein, für Jugendliche, die nie unter anderen Menschen als der abgeschlossenen Gemeinschaft eines Flüchtlingscamps gelebt haben, ist die Welt draußen neu und groß. Groß genug, um sie mit anderen zu teilen undzugleich klein genug, um Brücken zwischen den einzelnen Teilen zu bauen.

    Wie würden uns freuen, wenn auch andere Lust bekommen haben, mit an einer Brücke zwischen Europa und dem Mittleren Osten zu bauen, die eine Brücke der Toleranz und des Friedens sein soll.

    Alle, die mitmachen wollen, können uns mailen oder vielleicht ja auch besuchen?!

      Mit solidarischen Grüßen

      Die LehrerInnen und die Jugend des Flüchtlingscamps Maxmur

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