Kinderrechte

 


K
inder ohne Kindheit

„Kinder sprechen die Wahrheit“ lautet ein deutsches Sprichwort. Es soll bedeuten; Kinder handeln und sprechen aus ihrer inneren Intuition heraus, sind spontan, ohne Hintergedanken und Berechnungen. Die Kindheit ist für viele von uns ein Symbol von Unbeschwertheit, Freiheit und Natürlichkeit. Zugleich ist es der Zeitraum, in dem wir unsere ersten Lebenserfahrungen sammelten, mit Ereignissen konfrontiert wurden, die für unser weiteres Leben von prägender Bedeutung waren und sind. Trotz unterschiedlicher Schwierigkeiten und Unterdrückung die wir als Kind in unserer Familie oder in der Schule durch Staat und Gesellschaft erfahren haben, blicken wir meistens romantisierend auf diese Phase unseres Lebens zurück.

Auch wenn – biologisch betrachtet – alle Menschen das Kindheitsalter durchlebten und durchleben, so ist das Konzept der Kindheit als ein eigenständiges Lebensstadium - historisch gesehen - erst seit dem 18. Jahrhundert entstanden. Philosophen der Aufklärung wie Jean J. Rousseau und Locke brachten zum ersten Mal den Gedanken auf, dass Kindern ein besonderer Schutz, Aufmerksamkeit und Erziehung zukommen sollte, um ihr Bewusstsein und ihre Persönlichkeit entwickeln zu können. Von diesen Gedanken inspiriert, wurden ab dem Zeitalter der Rennaisance in weiten Teilen Europas Schulen und Kindergärten aufgebaut, kinderspezifische Literatur, Kleidung u.a. Produkte erzeugt, Wissenschaftszeige wie Pädagogik entwickelt, nach und nach Kinderschutzrechte erlassen, um Kindern Entwicklungs- und Entfaltungsmöglichkeiten zu geben. Galten diese Errungenschaften zunächst nur für Kinder der privilegierten, gehobenen Schichten, so setzte sich mit der Ersten Erklärung der Kinderrechte durch den Völkerbund 1924 im Laufe der Zeit doch die Einsicht durch, dass es universale Kinderschutzrechte geben müsste, die für alle Kinder unabhängig von Klassenzugehörigkeit, Geschlecht oder Nationalität gültig sein müssten. Aber trotz vieler weiterer Konventionen, die in der Zwischenzeit zum Schutz von Kindern erlassen wurden, trotz des rechtlichen und wissenschaftlichen Fortschrittes, der sich um eine kinderspezifische Bildung und Förderung bemüht, deckt sich dieser Trend nirgendwo mit der Lebensrealtität:

Während einerseits 25 Mio. Kinder aus Kriegs- und Armutsgebieten als Flüchtlinge von ihren Familien getrennt ohne jegliche soziale oder rechtliche Sicherheit einen tagtäglichen Überlebenskampf führen, haben andererseits auch Kinder aus den sogenannten Wohlstandsgesellschaften kaum eine Aussicht auf eine natürliche, altersgemässe Entwicklung. Während Strassenkinder in Lateinamerika, Afrika, Asien und dem Mittleren Osten ihrer Kindheit beraubt werden, indem sie unter schwersten Arbeits- und Lebensbedingungen die Verantwortung für die Ernährung ihrer Familien tragen müssen, lässt in den westlichen Ländern die technische und mediale Durchdringung des Alltages keinen Raum mehr für kindliche Phantasie, Freiheit und Natürlichkeit. Internet, Fernsehen, Gameboy und Werbung breiten zunehmend ihre Herrschaft über die Kinderzimmer aus. Nicht mehr Spielen, Lernen und Entdecken, sondern Kaufen und Konsumieren sind zu elementaren Verhaltensweisen geworden. Die Kindheit hat auch hier ihren romatischen Glanz verloren; sie ist zu einer Kundenkategorie des Marktes geworden. Die gesellschaftlichen Alarmzeichen wie zunehmende Verhaltensstörungen oder irrationale Gewaltanwendungen von Kindern, die der Raub der Kindheit mit sich gebracht hat, sollten uns nachdenklich stimmen.

Der Widerspruch, der zwischen der formalen Zustimmung zu Kinderrechten einerseits und der Lebensrealiät von Kindern andererseits, kann nur dann überwunden werden, wenn wir Kinder als Individuen mit ihrer eignen Persönlichkeit, mit ihren spezifischen Gefühlen und Gedanken wahrnehmen. In dieser Hinsicht stehen wir vor einer wichtigen Herausforderung: Wenn wir als Frauen und Männer – egal ob wir Mütter und Väter sind oder auch nicht – von der Notwendigkeit einer gesellschaftlichen und gedanklichen Erneuerung überzeugt sind, dann sollten wir zugleich auch darüber nachdenken, auf welche Weise wir Kinder an diesem Prozess teilhaben lassen können. Welche Fähigkeiten und Eigenschaften tragen sie in sich, die uns vielleicht schon verloren gegangen sind? Wie können wir gewährleisten, dass sie ihre Natürlichkeit und Offenheit in der Brutalität des Alltags nicht verlieren? Wie können wir verhindern, dass sie nicht zu Kindern ohne Kindheit werden? Auf diese Fragen müssen wir uns sowohl im Familienalltag als auch im Zusammenhang mit unserer Arbeit in zivilgesellschaftlichen Einrichtungen und Vereinen dringend Antworten finden. Denn diese Antworten werden ein grundlegender Teil des Gesellschaftsvertrages sein, den wir mit dem freien Leben schliessen wollen. A.K


Türkische Soldaten töten 12 jährigen Kurden
und seinen Vater

 (eKurdNews/Diyar-Eleziz)

ImageMardin/Qosere(Kiziltepe) Bei einer Operation der türkischen Armee am Montag hat die türkische Armee zwei Kurden erschossen. In der türkischen Presse war kurz darauf von zwei bei einem Gefecht getöteten Terroristen der PKK - Kongra-Gel (Volkskongress) die Rede. Inzwischen belegen jedoch die Aussagen von ZeugInnen sowie eine Untersuchung des Menschenrechtsvereins IHD, dass es sich bei den Toten um den 12-jährigen Ugur Kaymaz (Schüler) und dessen 30-jährigen Vater Ahmet Kaymaz (LWK Fahrer) um Zivilisten handelt und kein Gefecht stattgefunden hat – Vater und Sohn wurden Opfer einer außergerichtlichen Hinrichtung.

Dem Bericht des IHD zufolge starben Ugur und Ahmet Kaymaz am Montag vor ihrem Haus im Turgut-Özal-Viertel in Mardin-Kiziltepe. Die beiden seien unbewaffnet in das Kreuzfeuer der türkischen Armee geraten – ein Gefecht habe, wie ZeugInnen bestätigen, nicht stattgefunden. Auch wurden weder am Fahrzeug der Soldaten noch in der nähren Umgebung Einschüsse oder andere Spuren eines Gefechts gefunden. Dagegen sind bei der Obduktion 13 Gewehrkugeln im Körper von Ugur und 8 Kugeln in der Leiche seines Vaters gefunden worden. Der Inhaber eines benachbarten Geschäfts berichtete darüber hinaus, dass nach den tödlichen Schüssen Gewehre neben die Leichen des 12-jährigen Ugur und seines Vaters gelegt wurden, um den Anschein eines Gefechts zwischen „Terroristen“ zu erwecken. Beide waren jedoch und daran sind keine Zweifel zu hegen Zivilisten.

Demonstration gegen Staatsterror

Am Donnerstag versammelten sich zehntausende Menschen vor dem Haus der Familie Kaymaz, um der Toten zu gedenken und gegen den staatlichen Terrorismus und die anhaltenden Militäroperationen zu demonstrieren. Die DemonstrantInnen, unter ihnen der Bürgermeister von Kiziltepe (Qosere), der Vorsitzende der DEHAP (demokratische Partei des Volkes – kurdische Partei) in Mardin, VertreterInnen von Gewerkschaften und anderer ziviler Organisationen und MitschülerInnen des ermordeten Jungen forderten den Rücktritt des Gouverneurs der Provinz Mardin und die Bestrafung der Täter. In Sprechchören hieß es: “Der Staat ist der Mörder – Der Gouverneur ist der Terrorist”

Aussagen

Gouverneur: Seitens des Gouverneurs kann es zu zwei Statements.
Im ersten Statement, unmittelbar nach den Vorfall, sagte er, dass kurdische Terroristen die Sicherheitskräfte angegriffen hätten, woraufhin diese getötet wurden. Nach einer kurzen Zeit hieß es, dass der Junge und sein Vater in einem Haus gewesen wären, welches einem Mann gehörte, welcher früher Mitglied der PKK gewesen ist. Auf offener Straße seinen sie zum Anhalten aufgefordert worden. Die beiden „MÄNNER“ erwiderten dies mit Schüssen. Sie waren angeblich mit der PKK üblichen Waffe, der AK 47 und zwei Handgranaten ausgerüstet.

Mutter Makbule Kaymaz, 30: „Mein Mann ist ein LKW Fahrer gewesen. Am besagten bereitete er sich auf eine Fahrt nach Iskenderun (Iskenderon) vor.
Um ca. 16 Uhr hatten wir den Tische gedeckt und wollten Essen.
Kurz vor dem Essen wollten Mann und Sohn Wolldecken in den LKW bringen, für die Fahrt. Sie hatten beide Flip-Flops an. Anschließend wollten sie zum Essen zurückkommen. Der LKW war in ihrer Straße ca. 50 Meter entfernt geparkt. Nach einer kurzen Weile hörten wir Schüsse von draußen. Außer mir waren noch meine andere 3 Kinder und meine Stiefmutter zu Haus. Wir hatten angst und sind in den Garten unsere Nachbarn gelaufen um uns zu verstecken, er ist ein enger Bekannter von uns. Für einen kurzen Moment sah ich meine Sohn Ugur, Ich erkannte ihn an seiner weißen Hose. In der Nähe des Trucks befahlen sie ihm auf die Knie zu gehen und drückten seinen Kopf nach unten. Dann vielen die Schüsse. Später kam die Polizei und durchsuchte unser Haus, anschließend ging ich für die Zeugenaussage mit Später hörte ich das mein Sohn und Mann getötet wurden.”

Autopsie

Die 5 Mitglieder starke HRA Delegation konnte keine Anzeichen für eine Schießereien finden. Die Autopsie ergab, dass der Junge mit 13 Schüssen getötet wurde. Vier Kugeln waren in seinen Händen, 9 in seinem Rücken. 9 Kugeln wurden aus einer kurzen Distanz, welche unter 50cm lag.  8 Kugeln wurden aus derselben Distanz auf den Vater gefeuert.

Reaktionen seitens der EU

Eine Delegation des europäischen Parlaments besuchte anschließend Kiziltepe und hielt danach eine Pressekonferenz in Diyarbakir (Amed) am letzten Freitag. Sie verurteilten das Vorgehen nur kurz, jedoch sagte der italienische Parlamentarier, dass niemand davon sprechen könne, dass ein 12-jähriges Kind ein Terrorist sei und dass er nach einem Gespräch mit der Mutter sehr berührt war.

Ist es in dieser Lage für die EU überhaupt noch möglich der türkischen Regierung weiterhin zu zeigen, dass die Kopenhagener Kriterien in der Türkei halt finden und das der Reformkurs erfolg hat? Wohl kaum. Aberwitzig erscheint die derzeitige Kritik der Türkei an dem harten durchgreifen der Israelis gegen die palästinensische Bevölkerung, im Bezug auf das von israelischen Soldaten auf brutale Art und ohne Gerechtfertigung getötete palästinensisch Mädchen.
Auch die Haltung der deutschen Presse ist in der Hinsicht des andauernden Ignorierens der Kurden-Frage. 

Die Mörder müssen bestraft werden

Denge Mezopotamya, 30.11.2004 

Reaktionen auf den Mord an dem 12jährigen Ugur Kaymaz und seinen Vater Ahmet Kaymaz nehmen zu. Von der Kommission für Menschenrechte des türkischen Parlaments ist eine Delegaton nach Qosere gefahren, um die Ereignisse zu untersuchen. Auch die CHP schickt eine Delegation nach Qosere.

Der Vorsitzende des Menschenrechtsvereins IHD von Ankara Salîh Karaaslan rief das Innenministerium auf, dafür zu sorgen, dass die Verantwortlichen für den Tod von Ugur und Ahmet Kaymaz bestraft werden. Karaaslan gab eine Presseerklärung im Gebäude des Vereins ab und verurteilte den Mord an Ugur Kaymaz und seinem Vater. Karaaslan erklärte, im Land würden zahlreiche Reformen verabschiedet, aber im Osten und Südosten gäbe es noch dieselben Schmerzen wie zu Kriegszeiten: "Die Gegner des Friedens und der Demokratie setzen ohne Rücksicht auf Rechte willkürliche Maßnahmen durch und lassen die Bemühungen um Frieden und Demokratie ins Leere laufen."

Karaaslan erklärte, am 2. Dezember werde er ein Treffen mit einem Vertreter des Innenministeriums haben. Er werde dann vom Innenministerium fordern, dass die Verantwortlichen für die Morde bestraft werden. Die Sozialistischen Plattform der Unterdrückten in Dîlok machte eine Kundgebung im Balikli Park, um gegen den Mord an Ugur Kaymaz und Ahmet Kaymaz zu protestieren. Sie forderten ebenfalls, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden.

Lesen Sie mehr zu dem Vorfall:

Wir lassen die Makbule Kaymaz nicht allein!
Dringender Unterstützungsaufruf

 

 

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