Diskriminierung
beginnt schon vor der Geburt...
Über Abtreibungen weiblicher Föten
In den
vergangenen 20 Jahren wurden in Indien pro Jahr 500.000 Föten
weiblichen Geschlechts abgetrieben - um die Geburt einer Tochter zu
verhindern. Denn noch immer gelten Töchter als Kinder zweiter
Klasse. Auch in China wird es aufgrund dieser Praktiken bald einen
dramatischen Frauenmangel geben.
Tödlich
teure Mitgift
taz vom 10.1.2006
Es ist ein
Mädchen! Dies Ergebnis der Ultraschall-Untersuchung bringt vielen
Föten in Indien den Tod.
Pränatale
Geschlechtsbestimmung hat dazu geführt, dass in Indien in den
letzten zwanzig Jahren rund zehn Millionen weibliche Föten
abgetrieben wurden - 500.000 pro Jahr. Zu diesem Ergebnis kommt eine
Studie, welche die neueste Ausgabe der britischen Medizinzeitschrift
The Lancet veröffentlicht.
Die
Wissenschaftler Prabhat Jhar vom St.-Michaels-Krankenhaus der
kanadischen Universität Toronto und Rajesh Kumar vom Postgraduate
Institute für Medizinforschung im indischen Chandigarh werteten
Umfragedaten über fast 134.000 Geburten in 1,1 Millionen indischen
Haushalten aus dem Jahr 1998 aus. Die Forscher kommen zu dem
Ergebnis, dass in dem Land mit heute einer Milliarde Einwohner die
Rate weiblicher Geburten sinkt, wenn das erste Kind der Eltern ein Mädchen
ist - und noch weiter sinkt, wenn auch das zweite Kind weiblich ist.
Der Hauptgrund: Abtreibungen nach pränataler Geschlechtsbestimmung
durch Ultraschall. Dieser ist seit etwa 20 Jahren verbreitet.
Laut
der Studie kamen auf 1.000 Geburten von Jungen 933 von Mädchen. War
das erste Kind der Eltern bereits ein Mädchen, war das Verhältnis
beim zweiten Kind nur noch 759 Mädchen auf 1.000 Jungen und beim
dritten Kind gar nur noch 719 zu 1.000, wenn die ersten beiden
Kinder Mädchen waren. War dagegen das erste Kind ein Junge, ist das
Verhältnis Jungen zu Mädchen beim zweiten Kind etwa ausgeglichen.
Somit scheiden natürliche Faktoren beim Rückgang weiblicher
Geburten aus.
Der
Trend war durch alle Religionsgemeinschaften zu beobachten, betraf
also nicht nur die Bevölkerungsmehrheit der Hindus, sondern
gleichermaßen auch Muslime oder Christen. Er war jedoch in der
Stadt stärker als auf dem Land und nahm mit wirtschaftlichem
Wohlstand der Eltern und mit höherer Bildung der Mutter zu. So
liegt die Rate von Töchtern bei Müttern mit einer Schulbildung von
zehn Jahren oder mehr bei nur 683 im Vergleich zu Analphabetinnen,
die 869 Töchter pro 1.000 Söhne gebären. Die Forscher vermuten
deshalb, dass es sich um ganz bewusste Abtreibungen handelt.
Noch
immer gelten Töchter in Indien als Kinder zweiter Klasse. Die
meisten Familien wünschen sich einen Sohn, der das Erbe und den
Namen der Familie fortführt. Mädchen sind eine ökonomische
Belastung, denn sie verlassen nach der Eheschließung das
Elternhaus. Die Kosten für die Hochzeit und die traditionelle
Mitgift können ihre Familie in den Ruin treiben. Aus Verzweiflung töten
manche Eltern gar ihre neu geborene Tochter - oft als Fehlgeburt
deklariert.
Mit
Hilfe der modernen Technik lässt sich die Geburt einer Tochter
vermeiden: Mit einem Ultraschallgerät kann ein Arzt das Geschlecht
des Fötus feststellen - es bleibt Zeit für eine (meist illegale)
Abtreibung.
So
ist die "Sex Ratio", also das Geburtsverhältnis Mädchen
zu Jungen, heute in Indien mit 927 (letzte Angabe von 2001) ungünstiger
als noch zehn Jahre zuvor (1991: 945) oder gar vor einhundert
Jahren, als noch 972 Mädchen auf 1.000 Jungen kamen.
Um
dem Trend entgegenzuwirken, verbot die Regierung bereits 1994 die pränatale
Geschlechtsbestimmung. Auch der weit verbreitete Brauch der Mitgift
ist längst illegal. Doch Verbote allein bewirken wenig. Denn mit
Hilfe der weit verbreiteten Korruption ist das Verbot der
Geschlechtsbestimmung leicht zu umgehen. Dabei sind es gerade ökonomisch
besser gestellte Familien, die sich die nicht ganz preiswerte
Prozedur zu Nutze machen. In den relativ wohlhabenden Unionsstaaten
Punjab oder Maharashtra etwa ist der weibliche Anteil an der
Gesamtbevölkerung am tiefsten gefallen. Hier kommen auf eintausend
Männer nur etwa 800 Frauen.
Einige
Frauenaktivistinnen sind deshalb jetzt selbst aktiv geworden. So
wurde in der südindischen Millionenstadt Pune vergangenen Woche ein
Arzt auf frischer Tat ertappt. Eine Hochschwangere hatte Dr. Mohan
Nagane um die verbotene Geschlechtsbestimmung per Ultraschall
gebeten. Der Arzt verlangte zunächst 3.000 Rupien (60 Euro),
willigte dann aber für 500 Rupien ein. Als er seine Privatklinik
verlassen wollte, schnappte die Falle zu: Er wurde von einer Gruppe
von Frauen gestellt, die ihm das Geld und ein Geständnis abnahmen.
"Wir
haben bereits zwölf Ärzte überführt und beobachten eine Reihe
weiterer Mediziner", droht Audrey Fernandes, die zusammen mit
Aktivistinnen der Frauengruppe "Akhil Bharatiya Janvadi Mahila
Sangathana" die verdeckte Operation organisierte.
"Je
mehr unsere Gesellschaft sich dem Materialismus und dem Konsum
zuwendet, desto höher steigen die Ansprüche. Man sucht seinen
Status mit aufwendigen Hochzeiten und exorbitanten Mitgiftzahlungen
zur Schau zu stellen", sagt Audrey Fernandes. "Die
finanziellen Belastungen sind natürlich erheblich. Damit verglichen
sind die Arztrechnungen für Geschlechtsbestimmung und Abtreibung
ein Klacks."
Die
Ärzte müssten strenger beaufsichtigt werden, fordert deshalb
Fernandes und verweist darauf, dass der ertappte Dr. Nagane Mitglied
eines Komitees war, welches das Verbot der Geschlechtsbestimmung per
Ultraschall überwachen soll. "Die berufliche Kameradschaft
unter Ärzten macht die Kontrolle sehr schwierig", erklärt die
Aktivistin. "Im Endeffekt obliegt es der Zivilgesellschaft,
also den Frauengruppen, das Gesetz durchzusetzen."
Fernandes
versteht die verdeckte Operation in Pune als Element einer
landesweiten Kampagne, die von der Frauenorganisation "All
India Democratic Women's Association" getragen wird. Neben
einer schärferen Kontrolle der Ärzte wollen die Frauen einen
Bewusstseinswandel herbeiführen, um den Status von Frauen und Mädchen
in der Gesellschaft aufzuwerten. Fernandes kündigt weitere
verdeckte Operationen gegen Ärzte an.
Quelle:
taz vom 10.1.2006, S. 3, 197 Z. (TAZ-Bericht), SVEN HANSEN / REGINE
HAFFSTEDT
"Wo
sind all die Mädchen geblieben?"
taz vom
10.1.2006
Auch in
China wollen viele das Geschlecht ihres ungeborenen Kindes erfahren.
Gerade die Armen sind im Dilemma.
Ultraschallgeräte
kosten in China rund 10.000 Yuan, umgerechnet 1.000 Euro. Wer mit
ihnen umgehen lernen will, braucht dazu drei bis sechs Monate. Aber
es lohnt sich. Selbst ärmste chinesische Familien sind bereit,
durchschnittlich 40 Euro für die Ultraschalluntersuchung einer
werdenden Mutter zu zahlen, um rechtzeitig das Geschlecht des Kindes
zu erfahren. Damit sie, wenn es ein Mädchen wird, aus vielen Gründen
eine Abtreibung erwägen können.
Kein
Wunder also, wenn in China das Geschäft mit
Ultraschalluntersuchungen und anschließender Abtreibung von
weiblichen Föten blüht. Auf bis zu 750.000 wird ihre Zahl pro Jahr
geschätzt. Schon spricht der Familienplanungsexperte Gu Baochang
von dem chinesischen als dem "größten, höchsten und längsten"
Geschlechterungleichgewicht der Welt.
"Wo
sind all die Mädchen geblieben"?, fragt die staatliche
Nachrichtenagentur Xinhua. Die Antwort der Statistiken ist
ernüchternd. Noch in der 60er- und 70er-Jahren, als China auf
maoistische Art rückständig war, gebaren chinesischen Frauen fast
so viel Mädchen wie Jungen. China lag innerhalb der internationalen
Norm von 1.030-1.070 Jungen pro 1.000 Mädchen. Erst mit dem
kapitalistischen Fortschritt holte China die Vergangenheit wieder
ein. Denn der Fortschritt brachte nicht nur das Ultraschallgerät,
sondern auch die Ein-Kind-Politik. Weniger Chinesen würden
schneller reich werden - mit dieser Idee wurde die zügellose Bevölkerungspolitik
Maos Ende der 70er durch die Ein-Kind-Politik erfolgreich abgelöst:
300 Millionen Geburten wurden verhindert, die Geburtenrate von 3,7
auf 1,29 Prozent gedrückt. Samt einer vorhergesagten Nebenwirkung:
dem neuen Ungleichgewicht der Geschlechter. 1990 kamen bereits 1.110
Jungs auf 1.000 Mädchen, heute sind es 1.190 auf 1.000.
"In
zehn Jahren werden 40 bis 60 Millionen Frauen fehlen",
prophezeit Khalid Malik, der leitende UN-Vertreter in China. Malik
warnt vor fatalen Folgen wie ausufernder Prostitution und
Menschenhandel. Er sieht im Frauenmangel neben Aids und
Umweltverschmutzung eines der drei größten Probleme Chinas.
Doch
das gesamtgesellschaftliche Gewitter, das sich da ankündigt, ist,
je ärmer die Familie, desto schwerer begreiflich. Gerade auf dem
Land sind die Existenzängste wieder gewachsen. Unter Mao waren
Arztbehandlung und Schule kostenlos, jetzt überfordern Gesundheits-
und Erziehungsausgaben die meisten Bauernfamilien. Also denkt man
wieder zuerst an den Sohn: an den, der das alles einmal bezahlen
soll. Zudem besitzt in China die Mehrheit der Familien ein Stück
Land - eine Folge kommunistischer Landreformen. Dieser Landbesitz
birgt jedoch ebenso den Wunsch nach einem Sohn, der das Land eines
Tages übernehmen möge.
Für
die Armen ist guter Rat teuer: Auf wen, außer dem zukünftigen
Sohn, ist Verlass, wenn die Töchter nach der Heirat traditionell
die Familie verlassen, um Hof und Eltern des Mannes zu pflegen - und
zugleich der Staat seine Hilfen abbaut. Da vertraut man doch lieber
dem Ultraschallgerät. GEORG BLUME
Quelle:
taz vom 10.1.2006, S. 3, 102 Z. (TAZ-Bericht), GEORG BLUME
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